Festival
Dance Identity Festival 2026

Wer sieht, wird gesehen
Das Dance Identity Festival kehrt nach Eisenstadt zurück: vier Produktionen, neun Künstlerinnen und Künstler. Ein Nachmittag, der als Ganzes gedacht ist.
Es gibt eine Geste, die unsere Gegenwart genauer beschreibt als jedes Manifest: das Sich-Zeigen. Wir leben in einer Ökonomie der Sichtbarkeit, in der das Dasein zunehmend davon abhängt, ob und wie man betrachtet wird. Kein Zufall also, dass ausgerechnet der Tanz, jene Kunst, die ganz aus dem Körper und dem Blick auf ihn lebt, sich der Frage annimmt, die längst nicht mehr nur ästhetisch ist, sondern eine existenzielle Dringlichkeit angenommen hat: Was bedeutet es, gesehen zu werden? Und was geschieht mit einem Menschen, der nicht mehr aufhören kann, sich zu zeigen?
Diese Fragen bringt das Dance Identity Festival am 5. September 2026 ins Kulturzentrum Eisenstadt mit. Von 15 bis 20 Uhr gilt hier zeitgenössischer Tanz nicht als Zerstreuung, sondern als Denkform. Vier Produktionen, neun Künstlerinnen und Künstler, ein Nachmittag, der als Zusammenhang gebaut ist: Die Arbeiten sind so gesetzt, dass sie einander beantworten, kein Programmblock steht für sich. Darunter eine Weltpremiere und zwei Österreichpremieren.
Das Festival, seit über zwei Jahrzehnten im Burgenland verankert, hat sich einen Ruf erarbeitet, der weit über die Landesgrenzen reicht: ein ländliches Festival mit kosmopolitischem Anspruch, das internationale Positionen des zeitgenössischen Tanzes an einen Ort holt, der sonst nicht im Rampenlicht steht. Gezeigt werden Arbeiten, die das Publikum nicht beruhigen, sondern es mit sich selbst konfrontieren.
Den Kern bildet ein italienischer Schwerpunkt, der wie ein dreifach gebrochenes Selbstporträt der Gegenwart wirkt.
Da ist zunächst „Se domani“ von Elisa Sbaragli, in ihrer österreichischen Erstaufführung, eine Arbeit, die das abgenutzte Wort Krise zu seinem ursprünglichen Sinn zurückführt: zur Entscheidung. Zwei Körper bewegen sich in einem schmalen Korridor vor und zurück, in einer Bewegung, die sich aus nichts anderem speist als dem Vorgang des Sich-Zeigens. Je länger sie betrachtet werden, desto weiter müssen sie sich exponieren, bis der Blick selbst zu erblinden droht, versunken in der Bilderbulimie der Gegenwart. Sbaragli stellt dem Kult des Individualismus die kaum noch geübte Möglichkeit entgegen, sich neu zu verorten, den anderen wahrzunehmen, einander zu berühren. Eine Choreografie über die Frage, ob wir die Krise verleugnen oder sie als Einladung zu einem anderen Leben begreifen.
Wo „Se domani“ das kollektive Drama des Blicks verhandelt, treibt Luigi Guerrieri in „Poor Guy“ die Sache ins Persönliche und damit ins Unangenehme. Seine „performative Autoethnografie“ stellt eine Frage, die sich kaum jemand zu stellen traut: Ab wann wird das Erzählen der eigenen Wunden zur Übung in Narzissmus? Guerrieri seziert den Trauma-Plot und die Pose der Opferschaft, die moralische Bequemlichkeit, mit der wir uns in Erzählungen von Verletzbarkeit einrichten. Schon sein Name, ein Geflecht aus den Familiennamen von Vater, Mutter und deren früherem Ehemann, führt vor, wie sehr jeder Mensch aus geerbten Zuschreibungen zusammengesetzt ist. Der Abend ist erklärtermaßen ein narzisstisches Projekt, das eine narzisstische Welt mit ihren eigenen Waffen schlägt; selten war Selbstinszenierung so hellsichtig in ihrer Selbstkritik.
Den weitesten historischen Bogen schlägt Mattia Cason mit „Aquilee“, ebenfalls einer Österreichpremiere, einem Solo aus Körper, Bewegung und Stimme. Auf einem Teppich, der die Mosaike der Basilika von Aquileia nachbildet, erzählt Cason von einer Stadt als Kreuzungspunkt der Kulturen, von den sprachlichen, philosophischen und spirituellen Einflüssen, die aus dem alten Vorderen Orient nach Europa kamen. Sein Kostüm zitiert Pier Paolo Pasolini bei dessen Besuch in Aquileia, jenen Pasolini, der an die „skandalös revolutionäre Kraft der Vergangenheit“ glaubte und über die Nation hinausblicken wollte. Begleitet von einem Akkordeon und einer archaischen Kurent-Maske, deren Sinn sich erst im Finale enthüllt, entwirft Cason die Utopie eines geeinten Europa, das sich gerade aus seiner Vielheit und Andersheit begründet.
Und dann verschiebt eine vierte Arbeit den ganzen Nachmittag noch einmal. „None are Strangers“, die Weltpremiere des Festivals, stellt genau die Frage, auf die der italienische Dreiklang zuläuft: Was geschieht zwischen uns, sobald der Blick sich vom eigenen Ich löst? Ausgangspunkt ist der Ingenieur Itzhak Bentov, kein Mystiker, der überzeugt war, die Evolution des Menschen sei längst ins Nervensystem abgewandert; auf ihrer höchsten Stufe, so seine These, decken sich die Bewusstseinszustände zweier Menschen vollständig, und niemand ist dem anderen mehr fremd. Jahre nach Bentovs Tod tauchten dieselben Modelle in einem freigegebenen Geheimdienstbericht wieder auf, wo es um Fernwahrnehmung und um die Steuerung von Wahrnehmung ging.
Der naheliegende Weg wäre gewesen, diesen Stoff zu illustrieren. Doch eine solche Methode widerspräche ihrem eigenen Gegenstand: Ein langer choreografischer Prozess ist ein Argument für Autorschaft, für Korrektur, für die Unterordnung vieler Körper unter eine Intelligenz im Raum, also für genau jene Form, vor der das Material warnt, in der einer im Voraus entscheidet, was die anderen tun, und es so lange probt, bis die Entscheidung unsichtbar geworden ist. Also probten die sechs nicht gemeinsam. Jede und jeder baute ein Segment allein, aus einem kurzen Akt des Zuhörens und dem lebenslangen Archiv eines trainierten Körpers. Nichts wurde abgeglichen, nichts geglättet. Erst vor Publikum begegnen die Teile einander zum ersten Mal und werden live zusammengesetzt. Es tanzen Esther Balfe, Luan de Lima, Tura Gomez Coll, Su Huber, Joni Österlund und Theo Emil Krausz.
Neun Künstlerinnen und Künstler, vier Arbeiten, ein Nachmittag, den ein einziger Gedanke durchzieht: vom Zwang, sich zu zeigen, über die Anatomie des eigenen Ichs bis zu der Frage, ob zwischen zwei Menschen überhaupt eine Grenze verläuft. Am Ende steht, woran der Tanz besser erinnert als jede andere Kunst: dass wir Körper sind, vergänglich, aufeinander angewiesen und niemals allein im Raum.
Weitere Informationen: www.dance-identity.com
Termin
Samstag, 05.09.2026
15:00
– 20:00
Uhr
Ort
Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt
Franz Schubert-Platz 6
7000 Eisenstadt
