
Synagoge erzählt Geschichte
Monatliche Erzählreihe
01/2026
Maria Schnabel, eine Helferin aus Kobersdorf
Unmittelbar neben der Synagoge von Kobersdorf befindet sich das sogenannte Haus Alt. Das Haus wurde vom damaligen Rabbiner Lázar Alt in den 1880er Jahren errichtet. Drei Generationen später beherbergte es eine Gemischtwarenhandlung und war gleichzeitig Wohnstätte von Johanna Alt und ihrer aus acht Personen bestehenden Familie. Anfang Mai 1938 wurde die Familie aus Kobersdorf vertrieben. Der Familie Alt wurde eine jüdische Sammelwohnung in der Großen Sperlgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk zugewiesen. Unmittelbar davor vertraute Johanna Alt ihrer nichtjüdischen Kobersdorfer Freundin Maria Schnabel die Habseligkeiten der Familie an, darunter beträchtliche Geldbeträge. Wie mit Johanna vereinbart, brachte Maria zweimal kleinere Geldbeträge zu den Alts nach Wien. Die dritte Übergabe, die von Johann Schnabel, Marias Bruder, durchgeführt werden sollte, flog jedoch auf. Die Gestapo verhaftet Johann Schnabel, ließ ihn aber nach einem Verhör wieder frei. Zu weiteren Geldübergaben kam es vorerst nicht.
Erst im Jahr 1950, als sich Johanna Alt wegen des Verkaufs ihres Elternhauses kurzzeitig in Kobersdorf aufhielt, übergab ihr Maria die restlichen Gelder, die sie bis dahin sicher verwahrt hatte. Mithilfe dieser Unterstützung konnte ein Teil der Familie die Ausreise in sichere Exilländer finanzieren. Trotz Hilfeleistung von Johann und Maria Schnabl überlebten nur sechs der acht Mitglieder der jüdischen Familie Alt die Shoa.
Diese und ähnliche Geschichten erzählt die Sonderausstellung „Dunkle Zeiten. Von Tätern und Gerechten“ auf der Friedensburg Schlaining.
02/2026
Ignaz Klein, Lehrer der jüdischen Volksschule von Kobersdorf
Ignaz Klein (auch Yitzkhak Ignatz Klein) wurde 1874 in Kežmarok (damals Österreich-Ungarn, heute Slowakei) geboren. Ab 1897 wirkte er als jüdischer Oberlehrer in Kobersdorf. Klein war Absolvent der „Israelitischen Landeslehrer-Präparandie“ - der jüdischen Lehrerbildungsanstalt – von Budapest, wo er eine für damalige Verhältnisse moderne Ausbildung genoss. Mit 23 Jahren wurde er Lehrer in Kobersdorf und blieb das 34 Jahre lang. Besonders verdient machte er sich als engagierter Erwachsenenbildner, als der er eine Vielzahl von Vorträgen und Exkursionen organsierte. In der Zwischenkriegszeit nahm er eine zentrale Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinde ein und fungierte als deren letzter Sekretär, bevor die Kultusgemeinde gewaltsam aufgelöst wurde.
Klein war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er mit Berta Klein (Bella Chaja), geborene Lederer (1870–1935), aus der drei Töchter hervorgingen. Berta Klein verstarb am 28. Oktober 1935 im Alter von 63 Jahren an Lungentuberkulose. Ihr Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Kobersdorf. Kurz darauf ging Klein eine zweite Ehe ein, die durch den plötzlichen Tod seiner zweiten Ehefrau im Juni 1937 beendet wurde.
Seine jüngste Tochter aus erster Ehe, Kornelia („Nelly“) Klein, geboren 1900, lebte bis zur Vertreibung gemeinsam mit ihrem Vater in Kobersdorf und war Mitglied des „Salonorchester Kobersdorf“. Laut dem in der Zwischenkriegszeit regelmäßig erschienenen südburgenländischen Blatt „Güssinger Zeitung“ wurde Ignaz Klein 1931 offiziell in den Ruhestand versetzt, dürfte jedoch weiterhin an der jüdischen Elementar- und Volksschule unterrichtet haben.
Im März 1938 wurden Ignaz Klein und seine Tochter Kornelia aus Kobersdorf vertrieben. Sie fanden zunächst in Baden, später in Wien (Peregringasse 1, 9. Bezirk) Zuflucht. Am 19. Februar 1941 wurden beide mit dem Transport Nr. 2 von Wien in das Ghetto Kielce in Polen deportiert, das als „Durchgangslager“ organisiert war. Bei der Liquidierung des Ghettos im August 1942 wurden rund 21.000 Menschen ermordet und etwa 2.000 in Arbeitslager deportiert. Die verbliebenen Jüdinnen und Juden wurden 1944 nach Auschwitz, einzelne später nach Buchenwald verschleppt. Von den aus Wien deportierten Jüdinnen und Juden überlebten 18 den Holocaust. Ignaz und Nelly Klein waren nicht unter den Überlebenden.
Die beiden Fotos wurden uns von Nachfahren Kobersdorfer Juden im Zuge eines Besuches der ehemaligen Synagoge und des Waldfriedhofs zur Verfügung gestellt.
Quellen:
Der Transkribierer, https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/klein-berta-geb-lederer-28-oktober-1935/, abgerufen am 06.02.2026
Bartunek, Bela. „Aus nah und fern“. In: Güssinger Zeitung, 26.07.1931, S. 3
Hausensteiner, Erwin J. (2022). Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. Verlag: edition lex liszt. Oberwart.
Ignaz Klein: Kobersdorf. Schulchronik angelegt von Schulleiter Ignaz Klein, Burgenländisches Landesarchiv
Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center, https://collections.yadvashem.org/en/deportations/6991603, abgerufen am 06.02.2026
03/2026
Die Vertreibung der Juden von Kobersdorf
Antisemitische Verfolgung in Österreich
Als die Nationalsozialisten am 11. März 1938 mit dem Einmarsch nach Österreich den Rücktritt der Regierung Schuschnigg (1934–1938) erzwangen, leiteten sie in Österreich eine Verfolgungsdynamik gegenüber der jüdischen Bevölkerung ein, die besonders im Burgenland ein beispielloses Ausmaß annahm. Die von Gewalt begleitete Machtübernahme hatte die unmittelbare Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zur Folge. Diese Entwicklung erfolgte jedoch nicht abrupt, sondern knüpfte an bereits im Deutschen Reich etablierte antisemitische Maßnahmen an. Ein organisierter Widerstand gegen den Einmarsch deutscher Truppen blieb aus, vielmehr begrüßte der Großteil der Österreicher*innen die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich.
Bereits im April 1938 wurden burgenländische Jüdinnen und Juden gewaltsam über die Grenzen nach Ungarn, in die Tschechoslowakei und Jugoslawien vertrieben. Der ausgeprägte Verfolgungseifer im Burgenland ist auch im Kontext eines gesteigerten Anpassungs- und Loyalitätsbestrebens gegenüber dem NS-Regime zu interpretieren.
Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Koberdsorf
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Kobersdorf steht exemplarisch für die tiefgreifenden Umbrüche und gewaltsamen Verfolgungsprozesse, die mit dem Anschluss Österreichs einsetzten. Zeitgenössische Berichte belegen, dass dieses Ereignis in Kobersdorf von weiten Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung mit demonstrativen Zustimmungskundgebungen aufgenommen wurde. Die lokale Gesellschaft war bis dahin durch ein Nebeneinander katholischer, evangelischer und jüdischer Bevölkerungsgruppen geprägt, wobei sich bereits lange vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten vereinzelt Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung manifestierten.
Unmittelbar nach der politischen Umgestaltung setzte die systematische Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Einwohner*innen ein. Führende Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde von Kobersdorf wurden verhaftet und in das Gefängnis von Oberpullendorf gebracht. Die Deportation der insgesamt 219 im Jahr 1938 gemeldeten jüdischen Bewohner*innen erfolgte vielfach organisiert und bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit: In nächtlichen Aktionen wurden kleinere Gruppen mittels Lastkraftwagen aus dem Ort abtransportiert. Außerdem kam es zu gezielten Demütigungen im öffentlichen Raum, etwa indem jüdische Menschen zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen wurden, wie dem Reinigen von Straßenabschnitten bei der Brücke über den Schwarzenbach.
Die lokale Bevölkerung zeigte in ihrer Mehrheit eine hohe Bereitschaft, die antisemitische Politik aktiv oder passiv mitzutragen, wenngleich vereinzelte Fälle nachbarschaftlicher Hilfe überliefert sind. Im Zuge der sogenannten „Arisierung“ wurde jüdisches Eigentum geraubt, systematisch enteignet und auf nichtjüdische Besitzer übertragen. Dies betraf sowohl private Wohnhäuser als auch die institutionellen Einrichtungen der Kultusgemeinde, darunter Gemeindehaus, Schule, Synagoge und Friedhof.
Im April 1938 erfolgte die behördliche Schließung sämtlicher jüdischer Geschäfte in Kobersdorf. Die wirtschaftliche Infrastruktur der jüdischen Gemeinde, zu der unter anderem zwei koschere Fleischereien, eine Bäckerei, mehrere Gemischtwarenhandlungen sowie ein Eisenwarengeschäft gehörten, brach damit vollständig zusammen. In der Folge kam es teilweise auch zu Versorgungsengpässen für die nichtjüdische Bevölkerung.
Bereits im Mai 1938 hatten 25 der insgesamt 40 jüdischen Familien Kobersdorf verlassen. Die verbliebenen Familien standen vielfach unter dem Druck erteilter Auswanderungsanordnungen, ohne jedoch zu wissen wohin sie auswandern konnten oder sollten. Die daraus resultierende existenzielle Verzweiflung äußerte sich unter anderem im Suizid des Viehhändlers Philipp Hacker, der sich bis zum 7. Juni 1938 in seinem Haus versteckte und sich an diesem Tag sein Leben nahm. Zu diesem Zeitpunkt war die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung faktisch abgeschlossen. Kobersdorf galt fortan im nationalsozialistischen Sprachgebrauch als „judenrein“. In weniger als dreizehn Wochen endete die jahrhundertealte Siedlungsgeschichte der jüdischen Gemeinde in Kobersdorf infolge gezielter Vertreibungsmaßnahmen und Enteignungen.
Quellen:
Brugger, Evelyn; Keil, Martha; Lichtblau, Albert; Lind, Christoph; Staudinger, Barbara (2006). Geschichte der Juden in Österreich. Verlag: Ueberreuter, Wien
Hausensteiner, Erwin J. (2022). Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. Verlag: edition lex liszt, Oberwart
Magnus, Naama G. (2013). Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland, Wien

04/2026
Die Vertreibung des letzten Rabbiners von Kobersdorf, Simon Goldberger
Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März 1938 begann die Verfolgung und Beraubung der jüdischen Kobersdorfer. Von besonderer Grausamkeit gekennzeichnet war die Vertreibung der Familie von Simon Goldberger (*3. Juli 1908 in Mád; † 1944 in Auschwitz), dem letzten Rabbiner von Kobersdorf.
Von 1934 bis April 1938 war Simon Goldberger in Kobersdorf tätig. Er entstammte einer traditionsreichen jüdischen Gelehrtenfamilie und war der Sohn des Talmudisten Lipót (Leopold) Goldberger und von Rosa Berger. Goldberger war mit Paula (Perl) Lipschütz, geboren 1903 in Kobersdorf und Tochter seines Amtsvorgängers, Rabbiner Mose Lipschütz, verheiratet.
Aus der Ehe gingen die Kinder Lazar (geboren am 29. Mai 1935), Hermann (geboren am 8. Dezember 1936) und Isidor (geboren am 25. März 1938) hervor; im ungarischen Exil wurden ihre Kinder Edit (geboren 1940) und Mozes (geboren 1942) geboren. Die Familie bewohnte eine Dienstwohnung im Schulgebäude der Israelitischen Gemeinde.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 11. März 1938 setzte im Burgenland eine rasche und systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ein, die innerhalb weniger Wochen zur weitgehenden Auflösung der bestehenden jüdischen Gemeinden führte.
Am 20. April 1938 wurde Rabbiner Simon Goldberger mit seiner gesamten Familie auf Anordnung des Bürgermeisters abgeholt, auf einen Lastwagen verbracht und zur Grenze bei Neckenmarkt–Harka gebracht. Die Einreise nach Ungarn wurde ihm trotz gültiger ungarischer Dokumente von den ungarischen Behörden vorerst verwehrt.
Zurück auf deutschem Staatsgebiet wurde er von zwei fanatischen Nationalsozialisten – laut Gendarmeriebericht dem Zollwachebeamten Werner Maske und dem SA-Mann Anton Klikovich – derart misshandelt, dass er mehrere Stunden regungslos am Boden lag, ehe ihm jüdische Ödenburger zu Hilfe kamen und die Flucht schließlich fortgesetzt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt war sein jüngster Sohn gerade drei Wochen alt.
Ein im russischen Staatsarchiv überliefertes Dokument sowie ein Bericht des Gendarmeriepostens Kobersdorf beschreiben diese grausamen Vorgänge in detaillierter Form.
Nach der gewaltsamen Ausweisung fand die Familie zunächst Aufnahme in Sopron und ließ sich anschließend in der Nähe von Mád, dem Geburtsort Simon Goldbergers im Nordosten Ungarns, nieder.
Mit der Okkupation Ungarns durch das Dritte Reich im März 1944 setzte die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung ein. Die Jüdinnen und Juden von Mád wurden zunächst in der Synagoge interniert, wo die Menschen unter prekären Bedingungen festgehalten wurden, bevor sie in das Ghetto von Sátoraljaújhely deportiert wurden. Von dort aus wurden sie in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
Unter den Deportierten befand sich auch die Familie Goldberger, die dort gemäß einem Eintrag in Yad Vashem ermordet wurde.
Das tragische Schicksal von Simon Goldberger, dem letzten Rabbiner von Kobersdorf, nahm das Land Burgenland zum Anlass, ihm zu Ehren im Jahr 2022 einen Preis zu stiften. Alljährlich wird der Simon-Goldberger-Preis für besonders bemerkenswerte Projekte vergeben, die sich mit jüdischer Geschichte, dem NS-Opfergedenken und dem Kampf gegen Antisemitismus auseinandersetzen.
Quellen:
Ausschreibung zum Simon Goldberger Preis 2026: https://www.kulturfoerderung-burgenland.at/ausschreibungen/#c34100
Hausensteiner, Erwin J. (2022). Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. Verlag: edition lex liszt, Oberwart
Reiss, Johannes. Der Transkribierer, https://der-transkribierer.at/religion-und-kultur/goldberger/, abgerufen am 20.04.2026
Yad Vashem, Central Database of Shoah Victim´s Names, Simon Goldberger, https://collections.yadvashem.org/de/names/888730, abgerufen am 20.04.2026

Ein Amtsvermerk vom 22. April 1938 auf demselben Dokument hält die Misshandlung der Familie Goldberger in knapper, sachlicher Form fest.
05/2026
Die israelitische Volksschule von Kobersdorf
Eine schulpolitische Besonderheit brachte es mit sich, dass in der ungarischen Reichshälfte neben dem Staat und den Gemeinden auch Religionsgemeinschaften Volksschulen betreiben durften. Diese Bestimmung blieb im Burgenland auch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg aufrecht und führte dazu, dass es in Kobersdorf neben der evangelischen und katholischen auch eine jüdische Volksschule gab. Solche jüdischen Volksschulen gab es in der Zwischenkriegszeit auch in Frauenkirchen, Eisenstadt, Mattersburg, Lackenbach und Deutschkreutz.1
Erste Quellen über ein jüdisches Volksschulwesen in Kobersdorf gibt es aus dem Jahr 1739. Ein Davit Schulmaister war der erste urkundlich belegte jüdische Lehrer im Ort.2 Er war seit 1726 in Kobersdorf ansässig. Das Schulgebäude soll sich am Standort des späteren Gerst´schen Gasthauses befunden haben. Im Jahr 1860 wurde die neue Synagoge gegenüber dem Schloss von Kobersdorf eröffnet. Die jüdische Volksschule bezog daraufhin den frei gewordenen Bereich im ersten Stock der alten Synagoge, der davor als Frauenabteilung genutzt wurde und sich unmittelbar neben dem Schwarzenbach befand.
Es war für die Schulbetreiber nicht immer möglich gutes Lehrpersonal zu finden. In den 1880er Jahren waren die Kobersdorfer mit einem jüdischen Schulmeister namens Weisz derart unzufrieden, dass zehn Kinder von der jüdischen in die evangelische Volksschule wechselten.3 Voraussetzung war, dass die jüdischen Kinder ein umfangreiches Wissen über ihre eigene Religion mitbrachten, wovon sich der evangelische Pfarrer und Leiter des Schulstuhles persönlich überzeugte.
Es ist belegt, dass bis zum großen Hochwasser des Jahres 1895, der Unterricht in zwei Klassenzimmern erfolgte. Abwechselnd wurde dort der allgemeine Unterricht oder der Religionsunterricht gelehrt. Ab 1897 war mit Ignaz Klein für mehr als 30 Jahre ein überaus engagierter Lehrer tätig.
Der Betrieb der Volksschule wurde durch die Kobersdorfer Kultusgemeinde sichergestellt. Für den Schulbesuch musste ein Schulgeld entrichtet werden, welches das Doppelte vom Schulgeld der übrigen Kobersdofer Schulen ausmachte. Die organisatorische Leitung erfolgte im Rahmen des „Schulstuhles“, dem um die Jahrhundertwende Oberrabbiner Moses Lippschütz, Gemeindearzt Dr. Josef Donath, Schulmeister Klein und weitere Mitglieder der Kultusgemeinde angehörten. Der Schulstuhl nahm auch die jährliche, dreitägige Prüfung des Lernerfolges der Kinder wahr.
Das Ende des israelitischen Volksschulwesens im Burgenland folgte unmittelbar nach dem „Anschluss“. Die Schulen wurden behördlich geschlossen, die jüdische Bevölkerung vertrieben. Ein Teil fand vorerst in Wien Zuflucht, wo die dortige Kultusgemeinde noch für einige Monate einen vergleichsweise geregelten Schulalltag für die Kinder gewährleisten wollte. Ab Sommer 1939 war der öffentliche Schulunterricht für „nichtarische“ Kinder verboten.
Im Bild zu sehen ist der letzte Schulmeister der israelitischen Volksschule von Kobersdorf, Ignaz Klein mit seinen Schülern. Man kann annehmen, dass rund ein Drittel der Kinder die NS-Zeit nicht überlebten.
Neueste Forschungen zufolge soll ein Teil der Kinder der jüdischen Volksschulen von der drohenden Vernichtung im Rahmen von „Kindertransporten“ gerettet worden sein. In der Zeit von November 1938 bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939 konnten ca. zehn Kinder aus Kobersdorf in Sicherheit gebracht werden.4
Quellen:
1 Burgenländische Lehrer-Zeitung, Nr. 3 1925
2 Erwin Hausensteiner: Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf, Oberwart 2022, 2. Ergänzte Auflage S 125; darin zitiert Hausensteiner die Conscriptio Judeorum Kabolden
3 „Kobersdorf. Schulchronik, angelegt durch Schulleiter Ignaz Klein“, S 3; die Schulchronik wurde 1925 verfasst und bis 1930 von Ignaz Klein laufend ergänzt
4 Für diese Hinweise bedanken wir uns bei Christian Neubauer und Alex Karazmann, die sich intensiv mit dem Themenfeld der „burgenländischen“ Kindertransporte auseinandersetzten.
06/2026
Restaurierung des Grabsteins von Leni Schag-Zwebner
Nach der Okkupation Österreichs und seiner Eingliederung in das Deutsche Reich im Jahr 1938 kam das jüdische Leben im Burgenland innerhalb kürzester Zeit nahezu vollständig zum Erliegen. Infolge von Vertreibung, Enteignung und Zerstörung sind im heutigen Burgenland nur noch wenige materielle Zeugnisse dieser jahrhundertealten Kultur erhalten geblieben. Die heute oft einzigen sichtbaren Spuren der ehemaligen jüdischen Gemeinden sind die insgesamt 14 erhaltenen jüdischen Friedhöfe. In der jüdischen Tradition werden sie als „Beit Olam“ (hebräisch: „Haus der Ewigkeit“) bezeichnet, was in der Praxis bedeutet, dass die Grabstätte von dauerhafter Beständigkeit ist und die Totenruhe weder gestört noch aufgehoben werden darf. Die Grabinschriften dokumentieren Lebensdaten, familiäre Zusammenhänge sowie individuelle Verdienste der Verstorbenen und fungieren damit als bedeutende historische Quellen zur Rekonstruktion jüdischer Lebenswelten. Im Burgenland ist der überwiegende Teil dieser Inschriften in hebräischer Sprache verfasst.
Nach der nationalsozialistischen Vertreibung der jüdischen Bevölkerung wurden zahlreiche Friedhöfe über längere Zeiträume vernachlässigt oder geschändet. Der Verfall vieler Grabsteine ist eine unmittelbare Folge davon. Ihre Erhaltung und Sicherung wird heute als gesellschaftliche Verantwortung verstanden, um das historische Erbe der jüdischen Bevölkerung zu bewahren und ein Verschwinden österreichischer Jüdinnen und Juden aus dem kollektiven Gedächtnis zu verhindern.
Restaurierung
Die Restaurierung von Grabsteinen auf jüdischen Friedhöfen in Österreich erfolgt nach klar definierten konservatorischen und rechtlichen Grundsätzen. Viele dieser Friedhöfe stehen unter Denkmalschutz, sodass Maßnahmen einer Genehmigung durch das Bundesdenkmalamt bedürfen. Eigentümerinnen und Träger sind in der Regel die Israelitischen Kultusgemeinden, finanzielle Unterstützung kann unter anderem durch den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus erfolgen. Eine wesentliche Grundlage bildet das Washingtoner Abkommen (2011), das Österreich zur Sicherung, Restaurierung und Dokumentation jüdischen Kulturerbes verpflichtet.
Restaurierungen erfolgen häufig nur in Einzelfällen und teilweise auf private Initiative, jedoch stets in Abstimmung mit den zuständigen Institutionen. Fachgerechte Maßnahmen erfordern die Zusammenarbeit von Bundesdenkmalamt, Israelitischen Kultusgemeinden sowie qualifizierten Restaurator*innen und Steinmetzbetrieben.
Die Arbeiten sind meist mit hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden und setzen spezifische Fachkenntnisse voraus. Ziel ist ausschließlich die Sicherung und Erhaltung der historischen Substanz sowie die Wahrung der Würde der Verstorbenen; eine ästhetische Überformung oder Verschönerung der Grabsteine ist ausdrücklich nicht beabsichtigt.
Leni (Rebekka Lea) Schag-Zwebner (ca. 1801-1863)
Ein anschauliches Beispiel für die Umsetzung konservatorischer und denkmalpflegerischer Prinzipien stellt die Restaurierung des Grabsteins von Lea (Rebekka Lea) Schag-Zwebner dar, der Ehefrau des Rabbiners Avraham Schag-Zwebner. Die Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof in Kobersdorf in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Synagoge.
Das Ehepaar lebte zuvor in Gebieten der heutigen Slowakei und Ungarns, bevor Avraham Schag-Zwebner 1852 das Rabbinat in Kobersdorf übernahm. Während seiner Amtszeit wurde 1860 die Synagoge eröffnet. Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Lea Schag-Zwebner verstarb im Jahr 1863 an einer Lungenerkrankung. Rabbiner Schag-Zwebner emigrierte im Jahr 1873 nach Jerusalem und verstarb ebendort.
Im Jahr 2025 regte Rabbiner Moshe Walles, ein direkter Nachfahre von Rabbiner Schag-Zwebner, im Rahmen des jährlich stattfindenden Symposiums in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf die Restaurierung des Grabsteins an. In der Folge wurde dieser geborgen, fachgerecht konserviert und an seinem ursprünglichen Standort wieder aufgestellt. Die Maßnahmen ermöglichten die Wiederherstellung der Lesbarkeit der Inschrift sowie eine würdige Erhaltung der Grabstätte.
Das Beispiel verdeutlicht, wie durch das Zusammenwirken von historischem Wissen, religiöser Sensibilität und fachlicher Expertise ein bedeutendes Zeugnis jüdischen Kulturerbes bewahrt und wieder sichtbar gemacht werden kann.
Details zur praktischen Umsetzung von Restaurierungsmaßnahmen, zu den wichtigsten Vorgehensweisen sowie zu unbedingt zu vermeidenden Methoden bei der Reinigung und Sicherung von Inschriften werden beim diesjährigen wissenschaftlichen Symposium in Kobersdorf vorgestellt.
Die Übersetzung der Inschrift des Grabsteines finden Sie hier: www.der-transkribierer.at
Quellen:
Keil, Martha, Scheiber, Ernst, Forisch, Elke. Denkmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland. Institut für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten 2006
Reiss, Johannes. Der Transkribierer. www.der-transkribierer.at, Zugriff am 16.03.2026
Seidinger, Michael R. (Hrs.). Jüdische Friedhöfe in Österreich. Wegweiser für BesucherInnen der jüdischen Friedhöfe in Österreich. Im Auftrag des Nationalfonds, Wien 2021
Seidinger, Michael R. (Hrsg.). Häuser der Ewigkeit. 10 Jahre Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich. Im Auftrag des Nationalfonds, Wien 2023
Walles, Moshe. Rabbi Avraham Schag-Zwebner (1801-1876). Religiöse Führung in einer Zeit des Wandels im Herzen der Sieben Gemeinden des Burgenlandes und im Schatten der österreich-ungarischen Monarchie. Vortrag im Rahmen des Symposiums in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf, Kobersdorf 2025
07/2026
Rav Moshe König
Rav Moshe König wurde vermutlich am 5. August 1845 in Nagy-Megyer in der heutigen Slowakei geboren. In familiengeschichtlichen Quellen wird teilweise auch das Jahr 1843 genannt. Er starb am 11. März 1914 in Kobersdorf.
Moshe König war ein jüdischer Gelehrter und Talmudist. Er entstammte einer streng orthodoxen Familie. Seine Eltern waren Asher König und Perl König. Sein Vater galt als angesehener Gelehrter, und die Pflege der religiösen Traditionen nahm im Elternhaus einen zentralen Stellenwert ein.
Bereits in jungen Jahren erhielt Moshe König eine umfassende religiöse Ausbildung. Zunächst besuchte er die Jeschiwa in Pressburg, dem heutigen Bratislava, anschließend jene in Szerdahely nahe Nagy-Megyer. Schließlich setzte er seine Studien in Kobersdorf fort. Dort unterrichtete Rav Avraham Shag, der seit 1852 als Rabbiner der Gemeinde wirkte, an der örtlichen Jeschiwa.
Im Jahr 1867 heiratete Moshe König in Kobersdorf Krasl Zolschan, die Tochter eines Rabbiners. Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau heiratete er Josefine Perel, mit der er ebenfalls mehrere Kinder hatte.
In den Matriken wird Moshe König als Talmudist bezeichnet. Darüber hinaus veröffentlichte er regelmäßig Beiträge in orthodoxen Zeitschriften. Darin vertrat er traditionelle religiöse Positionen und setzte sich kritisch mit modernen Entwicklungen innerhalb des Judentums auseinander. Auch die Überlieferungen seiner Nachkommen heben seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit hervor.
Moshe König war selbst nie Gemeinderabbiner von Kobersdorf. Er unterstützte jedoch den amtierenden Rabbiner bei der Aufrechterhaltung des religiösen Gemeindelebens und übernahm wichtige Aufgaben innerhalb der Gemeinde. Ab 1895 wirkte er als offizieller Dayan, also als Richter am Rabbinatsgericht von Kobersdorf. Später führte er den Ehrentitel „Rav“. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Kobersdorf.
Die Erinnerung an Rav Moshe König wird von seinen Nachkommen bis heute gepflegt. Yonah Frischman und seine Familie (Israel) besuchen regelmäßig sein Grab in Kobersdorf.
Quellen:
Frischman, Helena (2025). The Sheva Kehillos. Memories of Torah Life in the Western Hungarian Oberland Communities. Jerusalem
Hausensteiner, Erwin J. (2022). Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. Verlag: edition lex liszt. Oberwart
Reiss, Johannes. Der Transkribierer: https://der-transkribierer.at/burgenland/juedischer-friedhof-kobersdorf/koenig-mose-11-maerz-1914/, abgerufen am 14.07.26



















