Synagoge erzählt Geschichte

Monatliche Erzählreihe

Die ehemalige Synagoge Kobersdorf, errichtet im Jahr 1860, tritt in diesem Jahr als Kultur-, Wissenschafts- und Bildungszentrum in ihre fünfte Saison ein. Das Gebäude ist ein bedeutendes Zeugnis jüdischer Geschichte im Burgenland und blickt auf eine wechselvolle Nutzung und historische Entwicklung zurück.

Mit der neuen monatlichen Erzählreihe „Synagoge erzählt Geschichte“ wird dieser vielschichtigen Vergangenheit ebenso Raum gegeben wie der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem Bauwerk selbst. Die Reihe widmet sich historischen Ereignissen sowie biografischen Bezügen, richtet den Fokus aber auch auf das materielle und bauliche Erbe der ehemaligen Synagoge.

Monatlich erscheint ein neuer Beitrag, der unterschiedliche Perspektiven auf die Synagoge eröffnet und das Gebäude sowohl als historischen Ort als auch als lebendiges Forschungs- und Vermittlungsobjekt begreifbar macht. Sämtliche Beiträge finden Sie hier zum Nachlesen und laden zur fortlaufenden Auseinandersetzung mit Geschichte, Architektur und Bedeutung dieses besonderen Ortes ein.


Postkarte aus dem 19. Jahrhundert
01/2026

Maria Schnabel, eine Helferin aus Kobersdorf

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Yitzchok klein with wife and daughters 1920
02/2026

Ignaz Klein, Lehrer der jüdischen Volksschule von Kobersdorf

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01/2026

Maria Schnabel, eine Helferin aus Kobersdorf

Unmittelbar neben der Synagoge von Kobersdorf befindet sich das sogenannte Haus Alt. Das Haus wurde vom damaligen Rabbiner Lázar Alt in den 1880er Jahren errichtet. Drei Generationen später beherbergte es eine Gemischtwarenhandlung und war gleichzeitig Wohnstätte von Johanna Alt und ihrer aus acht Personen bestehenden Familie. Anfang Mai 1938 wurde die Familie aus Kobersdorf vertrieben. Der Familie Alt wurde eine jüdische Sammelwohnung in der Großen Sperlgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk zugewiesen. Unmittelbar davor vertraute Johanna Alt ihrer nichtjüdischen Kobersdorfer Freundin Maria Schnabel die Habseligkeiten der Familie an, darunter beträchtliche Geldbeträge. Wie mit Johanna vereinbart, brachte Maria zweimal kleinere Geldbeträge zu den Alts nach Wien. Die dritte Übergabe, die von Johann Schnabel, Marias Bruder, durchgeführt werden sollte, flog jedoch auf. Die Gestapo verhaftet Johann Schnabel, ließ ihn aber nach einem Verhör wieder frei. Zu weiteren Geldübergaben kam es vorerst nicht.

Erst im Jahr 1950, als sich Johanna Alt wegen des Verkaufs ihres Elternhauses kurzzeitig in Kobersdorf aufhielt, übergab ihr Maria die restlichen Gelder, die sie bis dahin sicher verwahrt hatte. Mithilfe dieser Unterstützung konnte ein Teil der Familie die Ausreise in sichere Exilländer finanzieren. Trotz Hilfeleistung von Johann und Maria Schnabl überlebten nur sechs der acht Mitglieder der jüdischen Familie Alt die Shoa.

Diese und ähnliche Geschichten erzählt die Sonderausstellung „Dunkle Zeiten. Von Tätern und Gerechten“ auf der Friedensburg Schlaining.


02/2026

Ignaz Klein, Lehrer der jüdischen Volksschule von Kobersdorf

Ignaz Klein (auch Yitzkhak Ignatz Klein) wurde 1874 in Kežmarok (damals Österreich-Ungarn, heute Slowakei) geboren. Ab 1897 wirkte er als jüdischer Oberlehrer in Kobersdorf. Klein war Absolvent der „Israelitischen Landeslehrer-Präparandie“ - der jüdischen Lehrerbildungsanstalt – von Budapest, wo er eine für damalige Verhältnisse moderne Ausbildung genoss. Mit 23 Jahren wurde er Lehrer in Kobersdorf und blieb das 34 Jahre lang. Besonders verdient machte er sich als engagierter Erwachsenenbildner, als der er eine Vielzahl von Vorträgen und Exkursionen organsierte. In der Zwischenkriegszeit nahm er eine zentrale Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinde ein und fungierte als deren letzter Sekretär, bevor die Kultusgemeinde gewaltsam aufgelöst wurde. 

Klein war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er mit Berta Klein (Bella Chaja), geborene Lederer (1870–1935), aus der drei Töchter hervorgingen. Berta Klein verstarb am 28. Oktober 1935 im Alter von 63 Jahren an Lungentuberkulose. Ihr Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Kobersdorf. Kurz darauf ging Klein eine zweite Ehe ein, die durch den plötzlichen Tod seiner zweiten Ehefrau im Juni 1937 beendet wurde.

Seine jüngste Tochter aus erster Ehe, Kornelia („Nelly“) Klein, geboren 1900, lebte bis zur Vertreibung gemeinsam mit ihrem Vater in Kobersdorf und war Mitglied des „Salonorchester Kobersdorf“. Laut dem in der Zwischenkriegszeit regelmäßig erschienenen südburgenländischen Blatt „Güssinger Zeitung“ wurde Ignaz Klein 1931 offiziell in den Ruhestand versetzt, dürfte jedoch weiterhin an der jüdischen Elementar- und Volksschule unterrichtet haben.

Im März 1938 wurden Ignaz Klein und seine Tochter Kornelia aus Kobersdorf vertrieben. Sie fanden zunächst in Baden, später in Wien (Peregringasse 1, 9. Bezirk) Zuflucht. Am 19. Februar 1941 wurden beide mit dem Transport Nr. 2 von Wien in das Ghetto Kielce in Polen deportiert, das als „Durchgangslager“ organisiert war. Bei der Liquidierung des Ghettos im August 1942 wurden rund 21.000 Menschen ermordet und etwa 2.000 in Arbeitslager deportiert. Die verbliebenen Jüdinnen und Juden wurden 1944 nach Auschwitz, einzelne später nach Buchenwald verschleppt. Von den aus Wien deportierten Jüdinnen und Juden überlebten 18 den Holocaust. Ignaz und Nelly Klein waren nicht unter den Überlebenden.

Die beiden Fotos wurden uns von Nachfahren Kobersdorfer Juden im Zuge eines Besuches der ehemaligen Synagoge und des Waldfriedhofs zur Verfügung gestellt.


Quellen:
Der Transkribierer, der-transkribierer.at, abgerufen am 06.02.2026
Bartunek, Bela. „Aus nah und fern“. In: Güssinger Zeitung, 26.07.1931, S. 3
Hausensteiner, Erwin J. (2022). Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung. Verlag: edition lex liszt. Oberwart.
Ignaz Klein: Kobersdorf. Schulchronik angelegt von Schulleiter Ignaz Klein, Burgenländisches Landesarchiv
Yad Vashem. The world holocaust remembrance center, collections.yadvashem.org/en/deportations/6991603, abgerufen am 06.02.2026