Festival
Dance Identity Festival 2026

„Wer sieht, wird gesehen“
Das Dance Identity Festival kehrt nach Eisenstadt zurück – und fragt in drei italienischen Arbeiten, was vom Ich übrig bleibt, wenn man es ständig zeigen muss.
Es gibt eine Geste, die unsere Gegenwart genauer beschreibt als jedes Manifest: das Sich-Zeigen. Wir leben in einer Ökonomie der Sichtbarkeit, in der das Dasein zunehmend davon abhängt, ob und wie man betrachtet wird. Kein Zufall also, dass ausgerechnet der Tanz, jene Kunst, die ganz aus dem Körper und dem Blick auf ihn lebt, sich der Frage annimmt, die längst nicht mehr nur ästhetisch ist, sondern eine existenzielle Dringlichkeit angenommen hat: Was bedeutet es, gesehen zu werden? Und was geschieht mit einem Menschen, der nicht mehr aufhören kann, sich zu zeigen?
Mit diesen Fragen im Gepäck kehrt das Dance Identity Festival ins Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt zurück. Das Haus verwandelt sich erneut in einen Ort, an dem zeitgenössischer Tanz nicht als Zerstreuung, sondern als Denkform verstanden wird. Das Festival, seit über zwei Jahrzehnten im Burgenland verankert und von Dance Identity getragen, hat sich einen Ruf erarbeitet, der weit über die Landesgrenzen reicht: ein ländliches Festival mit kosmopolitischem Anspruch, das internationale Positionen des zeitgenössischen Tanzes an einen Ort holt, der sonst nicht im Rampenlicht steht. Wer die vergangenen Ausgaben verfolgt hat, weiß, dass hier Arbeiten gezeigt werden, die das Publikum nicht beruhigen, sondern es mit sich selbst konfrontieren.
In diesem Jahr setzt das Programm einen italienischen Schwerpunkt, der wie ein dreifach gebrochenes Selbstporträt der Gegenwart wirkt. Drei Produktionen, drei Annäherungen an dasselbe Unbehagen.
Da ist zunächst „Se domani“ von Elisa Sbaragli, eine Arbeit, die das abgenutzte Wort Krise zu seinem ursprünglichen Sinn zurückführt: zur Entscheidung. Zwei Körper bewegen sich in einem schmalen Korridor vor und zurück, in einer Bewegung, die sich aus nichts anderem speist als dem Vorgang des Sich-Zeigens. Je länger sie betrachtet werden, desto weiter müssen sie sich exponieren – bis der Blick selbst zu erblinden droht, versunken in jener Bilderbulimie, die wir alle gut kennen. Sbaragli inszeniert den Kult des Individualismus als körperliche Erfahrung und stellt ihm die kaum noch geübte Möglichkeit entgegen, sich neu zu verorten, den anderen wahrzunehmen, einander zu berühren. Eine Choreografie über die Frage, ob wir die Krise verleugnen oder sie als Einladung zu einem anderen Leben begreifen.
Wo „Se domani“ das kollektive Drama des Blicks verhandelt, treibt Luigi Guerrieri in „Poor Guy“ die Sache ins Persönliche und damit ins Unangenehme. Seine „performative Autoethnografie“ stellt eine Frage, die sich kaum jemand zu stellen traut: Ab wann wird das Erzählen der eigenen Wunden zur Übung in Narzissmus? Guerrieri seziert den Trauma-Plot und die Pose der Opferschaft, die moralische Bequemlichkeit, mit der wir uns in Erzählungen von Verletzbarkeit einrichten. Schon sein Name, ein Geflecht aus den Familiennamen von Vater, Mutter und deren früherem Ehemann, führt vor, wie sehr jeder Mensch aus geerbten Zuschreibungen zusammengesetzt ist. Der Abend, humorvoll und beweglich, ist erklärtermaßen ein narzisstisches Projekt, das eine narzisstische Welt mit ihren eigenen Waffen schlägt. Selten war Selbstinszenierung so hellsichtig in ihrer Selbstkritik.
Den weitesten historischen Bogen schlägt schließlich Mattia Cason mit „Aquilee“, einem Solo aus Körper, Bewegung und Stimme. Auf einem Teppich, der die Mosaike der Basilika von Aquileia nachbildet, erzählt Cason von einer Stadt als Kreuzungspunkt der Kulturen, von den sprachlichen, philosophischen und spirituellen Einflüssen, die aus dem alten Vorderen Orient nach Europa kamen. Sein Kostüm zitiert Pier Paolo Pasolini bei dessen Besuch in Aquileia – jenen Pasolini, der an die „skandalös revolutionäre Kraft der Vergangenheit“ glaubte und über die Nation hinausblicken wollte. Begleitet von einem Akkordeon und einer archaischen Kurent-Maske, deren Sinn sich erst im Finale enthüllt, entwirft Cason die Utopie eines geeinten Europa, das sich gerade aus seiner Vielheit und Andersheit begründet. Ein zutiefst experimenteller Versuch, dem die Erfindung eines „narrativen Tanzes“ gelingt.
Drei Arbeiten, ein gemeinsamer Nerv: die Spannung zwischen dem Wunsch, sich zu zeigen, und der Angst, dabei verloren zu gehen. Das Festival belässt es freilich nicht bei diesem Trio. Weitere Programmpunkte werden am 10. August bekannt gegeben – die drei italienischen Produktionen markieren lediglich die Höhepunkte eines Abends, der sich Zeit nehmen wird für das, was der Tanz besser kann als jede andere Kunst: uns daran zu erinnern, dass wir Körper sind, vergänglich, aufeinander angewiesen und niemals allein im Raum.
Weitere Informationen: www.dance-identity.com
Termin
Samstag, 05.09.2026
15:00
– 20:00
Uhr
Ort
Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt
Franz Schubert-Platz 6
7000 Eisenstadt
